Digital Society Initiative

27.01.2017

27.01.2017

Prof. Ph.D. Abraham Bernstein | Vorsteher des Instituts für Informatik der Universität Zürich

Alle reden von Digitalisierung – warum soll nun ausgerechnet auch die Universität Zürich eine «Digital Society Initiative» starten?

Abraham Bernstein: Weil es gerade die Aufgabe einer Universität ist, genauer hinzusehen, wenn ein Wort in aller Munde ist. Die Digitalisierung ist zweifellos in den letzten zwei Jahren zu einem Modethema geworden und die Zeitungen sind voller Spekulationen, welche Auswirkungen diese auf unser aller Leben hat. Die öffentliche Diskussion ist derzeit sowohl von überspitzen Erwartungen als auch übertriebenen Negativszenarien geprägt – etwa von der Idee, dass in naher Zukunft die Hälfte aller Jobs wegfallen würde. Die Universität Zürich hat sich in ihrem Leitbild die Aufgabe gegeben, ihre Forschungsschwerpunkte unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Gesellschaft zu formulieren sowie zur Selbstreflexion und Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Und im Fall der Digitalisierung ist dieses Bedürfnis nach Selbstreflexion und nachhaltiger Entwicklung des technologischen Fortschritts unbestritten. Entsprechend ist es ein strategischer Entscheid der Universität, mit der «Digital Society Initiative» ein Wissenszentrum zur Digitalisierung zu werden.

Was unterscheidet die «UZH Digital Society Initiative» von anderen akademischen Forschungsprogrammen zum Thema Digitalisierung?

Bernstein: Die Breite unseres Ansatzes. Wir verstehen die DSI als eine gesamtuniversitäre Initiative, welche alle Fakultäten umfasst. Es geht also nicht nur um die «üblichen Verdächtigen» wie die Auswirkung der Digitalisierung auf Gesundheit, Demokratie und Wirtschaft oder der Förderung der technischen Entwicklung. So wurden beispielsweise verschiedene technische Überzeugungen schon mit Religionen verglichen – und die Zugangsweise der Theologie kann helfen, diesen besser zu verstehen. Oder unser Verhältnis zu Nutz- und Haustieren kann sich durch die Digitalisierung ändern – und das zu verstehen braucht den Einbezug des Wissens der Veterinärmedizin. Unser grosser Vorteil ist es, dass wir all diese verschiedenen Wissenskulturen unter einem Dach vereinen.

Die DSI hat ja erst im September 2016 begonnen. Mit welchen konkreten Schritten wollen Sie und Ihr Team die DSI in den nächsten Monaten aufbauen?

Bernstein: Zunächst geht es darum, das vorhandene Wissen zu strukturieren und sichtbar zu machen. Eine Universität ist ja wie ein Verbund von – im Fall von Zürich gut 600 – KMUs. Wir wollen eine Plattform schaffen, damit man sich Uni-intern besser über die disziplinären Grenzen austauschen kann. Im November haben wir beispielsweise ein «speed dating» für Forscher organisiert, wo sich diese über ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Forschungsinteressen austauschen konnten – über 40 Präsentationen gab es an diesem Anlass und unser DSI-Netzwerk umfasst nach nur schon wenigen Monaten rund 100 Forschende der Uni Zürich; die Mehrzahl davon Professoren, die sich in irgendeiner Weise mit Fragen der Digitalisierung beschäftigen. Dann wird es darum gehen, strategische Forschungsgebiete zu identifizieren, in denen die Universität Zürich stark ist oder ein klarer Wunsch nach Ausbau besteht. Für diese Forschungsgebiete gilt es dann, Kooperationen zu fördern und finanzielle Mittel zu finden. Dafür wollen wir ein ganzes Set an Unterstützungsmöglichkeiten generieren, beispielsweise Support für Forschende beim Schreiben von Forschungsanträgen.

In welchen Bereichen sehen Sie einen besonders dringenden Forschungsbedarf bezüglich den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung?

Bernstein: Ich denke, ein Grundphänomen der Digitalisierung ist, dass sie die Grenzen zwischen den gewohnten und an sich getrennten Lebensbereichen der Menschen immer durchlässiger und gleichzeitig viele vertraute Prozesse intransparenter macht. Entscheidet nun ein Mensch oder ein Algorithmus, ob ich eine Versicherung bekomme? Von wem kommt eigentlich der Text in den Kommentarspalten der Medienportale – war das ein Mensch oder ein Programm? Dieses Grundphänomen wirkt sich in den verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft unterschiedlich aus. Dennoch bleibt das Phänomen, dass Digitalisierung sich in viele Lebensvollzüge quasi einnistet und die damit verbundenen Informationsflüsse abgreift. So entstehen immer mehr Daten über Prozesse, die vorher informell abliefen – vergleicht man etwa das Stöbern in einem Buchladen mit dem Suchen von Büchern auf Amazon. Dies hat Auswirkungen, die weit über das Lösen eines technischen Problems hinausgehen. Einerseits entstehen dadurch neue Chancen unser Leben zu vereinfachen. So kann man zum Beispiel mit Handydaten Staus sehr viel besser vorhersagen als je zuvor. Andererseits müssen wir uns als Gesellschaft überlegen, wie wir mit den Daten umgehen wollen: Wem gehören sie? Was lässt sich über die Persönlichkeit der Nutzer solcher Technologien aussagen? So gesehen ist das Verständnis, welche Folgen die durch die Digitalisierung ausgelöste Datenlawine hat, sicher eine der Grundfragen. Längerfristig stellt sich auch die Frage, welche Fertigkeiten wir als mündige Bürger und Arbeitnehmer/-geber in der Wirtschaft in der digitalisierten Welt denn benötigen? Ich bin überzeugt, dass in Zukunft ein Verständnis für Daten absolut fundamental sein wird. Wir müssen verstehen, welche Aussagen man mit Daten machen kann und wo deren Grenzen sind.

Die DSI spricht in ihrem Mission Statement auch davon, dass die Wissenschaft selbst durch die Digitalisierung verändert wird. Was meinen Sie damit?

Das ist unserer Ansicht nach ein zentraler Punkt. Es reicht nicht, wenn eine Universität quasi von aussen auf das Phänomen der Digitalisierung blickt. Wir müssen als Wissenschaftler verstehen lernen, dass sich unsere eigene Tätigkeit durch die Digitalisierung tiefgreifend verändert. Ich meine damit nicht die triviale Tatsache, dass kaum ein Wissenschaftler heute ohne Computer arbeitet. Zunächst ist es so, dass die meisten Wissenschaftler heute immer mehr auf grosse Datenmengen zugreifen, die von anderen gesammelt werden. Astrophysiker, zum Beispiel, verwenden für Ihre Forschungen häufig verschiedenste Datensätze, welche zentral gesammelt wurden. Und auch die Geisteswissenschaften werden aufgrund der zunehmenden digitalen Verfügbarkeit von Quellen unterschiedlichster Art Veränderungen erfahren, wie dies unter dem Stichwort der «digital humanities» ja bereits geschieht. Diese Daten werden dann verknüpft und in mehreren Forschungsprojekten wiederverwendet. Google hat gerade dieser Tage angekündigt, dass sie solche Datensätze in Zukunft besser auffindbar machen will. Dies verändert unsere Vorgehensweisen fundamental.
Dann existieren immer mehr Beispiele des Einsatzes von automatisierten Forschungsrobotern. So haben Kollegen in Grossbritannien einen Roboter entwickelt, der eigenständig im Bereich der Hefebaktieren Forschung betreibt und auch schon interessante Ergebnisse gefunden hat. An der UZH forschen wir auch an Systemen, die selbständig statistische Analysen machen können. Das heisst auch unsere Tätigkeit wird immer mehr automatisiert.
Zu guter Letzt, beziehen wir auch immer mehr Bürger in die Forschung mit ein. In sogenannten „Citizen Science“ Projekten können wir mit Hilfe von Programmen mit Tausenden von Freiwilligen kooperieren, um neuartige Forschungsresultate zu erzielen. So erhoffen wir uns an der UZH neue Ergebnisse über das gesunde Altern oder über Krankheiten wie der multiplen Sklerose.
Die enormen Datenmengen, die in gewissen Forschungsbereichen anfallen werden, brauchen neue Ideen bezüglich der Visualisierung komplexer Datenräume. Entsprechend müssen auch Wissenschaftler neue Fertigkeiten erlenen, welche wir zum Beispiel in einem neuen MSc-Programm zum Thema Datenwissenschaften vermitteln.

Und wo bleibt die Öffentlichkeit in diesen ganzen Aktivitäten?

Bernstein: Die Präsenz im öffentlichen Diskurs und in der Politik ist ebenfalls ein drittes, zentrales Betätigungsfeld der DSI. Wir haben am 18. Januar eine erste öffentliche Veranstaltung durchgeführt und gleich mit einem kontroversen Thema begonnen: der Digitalisierung im militärischen Bereich, versinnbildlicht durch Kampfroboter oder durch die Figur des «Terminators». Es dauerte keine zehn Minuten, nachdem die Vorschaumeldung rausging, als sich bereits die ersten Medien meldeten. Die Aula der Uni war fast voll und wir waren präsent in Radio, Fernsehen und Zeitung. Künftig wollen wir mehr solche Veranstaltungen durchführen und uns gleichzeitig gegenüber der Politik und Verwaltung als Kompetenzzentrum präsentieren – also als ein Ort, wo Expertise abgeholt werden kann, wenn eine bestimmte Anwendung digitaler Technologie politische Fragen stellt. Gleichzeitig bringen wir uns auch aktiv in den öffentlichen Diskurs ein. So haben sich erst gerade Kollegen zum Thema der Netzsperren auf dem Internet geäussert.

Wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken würden: Woran würden Sie sehen, dass die DSI erfolgreich war?

Bernstein: Wir sind dann erfolgreich, wenn wir als Universität zu einer realistischeren Einschätzung der Chancen und Risiken der Digitalisierung beitragen konnten. Wir dürfen nicht einfach auf einer Trendwelle reiten, sondern wir müssen tiefer in die ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen eindringen, welche der rasante technische Fortschritt in diesem Bereich stellt. Wenn wir es mit dieser Tätigkeit schaffen, den Wohlstand in der Schweiz sowie die Forschung weltweit voran zu bringen, dann können wir zufrieden sein.

Interview: Markus Christen

Zur Person: Prof. Abraham Bernstein ist Vorsteher des Instituts für Informatik der Universität Zürich und Direktor der UZH Digital Society Initiative. Vor seiner Tätigkeit in Zürich war er Assistenzprofessor an der Stern School of Business an der New York University. Er forscht seit vielen Jahren zu Themen wie dem Semantischen Web von Daten, Data Mining, sowie dem Wechselspiel zwischen Informationstechnologien und der Gesellschaft.

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