“Digitale Transformation in Schweizer Unternehmen, eine Illusion?”

05.03.2019

von: Roger Eric Gisi, Thomas Berner

Fragt man Unternehmen, wie es bei ihnen um die Digitalisierung steht, wird man feststellen: Eine Mehrheit betrachtet sich als «solide digitalisiert». Das bedeutet wohl: Supportprozesse und einige Kernprozesse laufen digital ab. Ob das allerdings genügt, um für die Zukunft gerüstet zu sein, ist eine andere Frage. Roger Eric Gisi, Gründer der Initiative «Digitale Schweiz», sieht viel Nachholbedarf.

Roger Eric Gisi, Unternehmer und Gründer von Schweizer Experten- und Marktplattformen zu Cloud Computing, IT-Sicherheit, CRM/ERP, Energie und Digitalisierung, ist der Meinung, dass sich immer noch zu viele Unternehmer einer Illusion hingeben. Sie glauben, «digitalisiert» zu sein, in Tat und Wahrheit verfügen die meisten Unternehmen noch nicht über eine genügende digitale Reife.

Ist Ihre Aussage nicht etwas provokativ, Herr Gisi? Steht es denn wirklich so schlecht? Wir kommen in der Schweiz doch ganz gut voran, oder täuscht das?
Nun – ich stelle ja die Frage – aber ja, es täuscht. Zur digitalen Transformation machen sich die Entscheider der Schweizer Wirtschaft Illusionen über die Fortschritte ihrer Unternehmen. Nur dank eines teilweise wirklich gut zentrierten Kundenfokus gelingt es, die Kundenwünsche in digitale Projekte und schliesslich Produkte zu kanalisieren und individuell, punktuell rasch umzusetzen. Trotzdem: Die Führungskräfte schätzen die digitale Transformation ihrer Organisation deutlich anders ein, als die Verantwortlichen, die neue Technologien implementieren müssen. Sie täuschen sich im Status, im digitalen Reifegrad ihres Unternehmens.

Was fehlt denn, damit die Unternehmen diesen Wandel antizipieren oder einfach erfolgreich die Digitalisierung schaffen können?
Nun, die digitale Wirtschaft ist eine nahtlose Prozesslandschaft. Das heisst denn auch, dass im herkömmlichen Geschäft in vielen Unternehmen die Probleme bereits auf Prozessebene liegen. Das Resultat: Mangelnde Flexibilität, schlechte Effizienz, unzureichende Kundenorientierung, ausufernde Bürokratie, explodierende Kosten, wachsende Komplexität. Mit dem Internet-Computing als Computingmodell für eine digitale Wirtschaft sind die Barrieren für neue organisatorische Lösungen mit stark gestrafften Prozessen gefallen. Aber: Der Kulturwandel, Changes und das Angehen von neuen Geschäftsmodellen muss viel stärker gepusht werden. Die Möglichkeiten der neuen Technologien würden dies zwar antreiben, aber der Wille zur Veränderung fehlt. Die Aussicht auf wirklich Neues, muss – gemessen an anderen Volkswirtschaften – in allen Organisationen und Stufen noch viel stärker gefördert werden, damit wir digital für die Zukunft besser unterwegs sind.

Was heisst das denn konkret für die Unternehmen? Was müssen diese angehen und welche Projekte umsetzen? Sie appellieren zu digitalen Plattformen, was meinen Sie damit?
Ja, Plattformen sind eine zentrale Infrastruktur einer digitalen Wirtschaft und ihre Bedeutung wird stark zunehmen. Weil sie internet-basiert sind, sind sie ein wichtiges Werkzeug der digitalen Ökonomien, und diese wiederum schaffen durch ihre Skalen-, Verbund- und Netzwerkeffekte neue Marktstrukturen. Man weiss heute aus Studien und Forschungsarbeiten, dass, je digital reifer ein Unternehmen ist, es umso mehr selbst Plattformen einsetzt, sei es für die Infrastruktur oder die Marktentwicklung. Und diese Unternehmen wissen ebenso um die Bedeutung und den Wert dieser Plattformen zur Erreichung ihrer Unternehmensziele. Aber eben: Alle diese Auswirkungen von KI, IoT, Predictive Analytics und Blockchain auf Wirtschaft und Gesellschaft, auch wenn sie derart enorm sind und das Potenzial digitaler Lösungen zur besseren Wettbewerbsfähigkeit haben, werden von den Entscheidungsträgern in der Schweiz noch viel zu wenig beachtet im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften in Nord- und Ost-Europa oder in Asien. Denn aus der Computerisierung wird erst dann Digitalisierung, wenn Prozesse, Produkte und Dienstleistungen in deren Wertschöpfungsketten digital in Modellen, also digitalen Zwillingen abgebildet werden können. Das meine ich mit Plattformen und dass wir lernen müssen, mit diesen Technologien richtig umzugehen, um bestehende Geschäftsmodelle zu optimieren und neue zu erschaffen.

Wenn diese Plattformen einmal installiert sind, wie können diese erfolgreich betrieben ja weiterentwickelt werden?
Die Technologieanforderungen der Unternehmen werden komplexer. Sie benötigen nicht nur neue Plattformen und Systeme, auf denen neue innovative Dienste nahtlos und sicher aufgebaut werden können, sondern eben auch den unternehmensweiten Wandel in der Denkweise. In dieser Landschaft wird dann eine Kultur des ständigen Lernens und Agilität die digitale Transformation im gesamten Unternehmen beschleunigen. So gehen neue Themenfelder, Anwendungen und Lösungen auf und die Plattformen können für allerlei Zwecke und Geschäfte eingesetzt werden. Skaleneffekte und Multiplikation müssen gezielt vorangetrieben werden. So fallen auf die relativ tiefen Grenzkosten bald auch Gewinne ab. In der eigenen Produktion ermöglichen die Infrastruktur-Plattformen erhebliche Qualitätssteigerungen und eine viel schnellere Marktreife sowie exakteres Wissen über die Kundenbedürfnisse. Fliessen diese Expertise und Daten systematisch zurück, können Funktionen und Services laufend erweitert und spezifischen Kundensegmente angepasst werden.

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