Smart City im Dienst der Stadtentwicklung

24.05.2019

Reinhard Riedl ist Präsident der Schweizer Informatik Gesellschaft. Riedl beschäftigt sich mit digitalen Ökosystemen und leitet das transdisziplinäre Forschungszentrum «Digital Society» an der Berner Fachhochschule.

Quelle: computerworld.ch

Smart Cities können die Lebensqualität ihrer Einwohner steigern. Dafür müssen aber bereits bei der Planung Stadtentwickler, Ingenieure sowie Bürger zusammenarbeiten und frühzeitig die Weichen stellen. Sonst könnte die Smart-City-Bewegung in die Sackgasse führen.

Gelegentlich schaue ich in Architekturbuchläden, ob sich dort ein Buch zum Thema Smart City findet. Bislang vergeblich. In der Sektion «Stadt» befindet sich nicht einmal Mitchells Klassiker «City of Bits – Space, Place, and the Infobahn». Tatsächlich gibt es bislang nur marginale Überschneidungen zwischen dem traditionsreichen Stadt­entwicklungsdiskurs der Stadtarchitekten und dem neuen Hype um Smart Cities. Das liegt nicht nur daran, dass es Neuankömmlinge in etablierten Communities schwer haben. Ein weiterer Grund ist das Generische am Smart-City-Diskurs. Dieser nimmt kaum Bezug auf kulturelle Besonderheiten und die Identität der Städte. Ich habe vor sechs oder sieben Jahren erlebt, wie bei einer E-Government-Konferenz am Medinah Institute for Leadership and Entrepreneurship (MILE) von einem Vertreter eines Grosskonzerns der gleiche Smart-City-Vortrag gehalten wurde, den ich zuvor in Zürich gehört hatte. Doch Zürich und Medinah sind verschieden. Wer meint, unterschiedliche Stadt-Traditionen durch Technik auf einen Nenner bringen zu können, kann nicht erwarten, von Stadtentwicklern ernst genommen zu werden.

Ein wesentliches Element des europäischen Smart-City-Diskurses ist mittlerweile die Ermächtigung der Bürger, ihre Stadt mitzugestalten. Bei der Konferenz damals am MILE habe ich gelernt, dass in Saudi-Arabien eine Form von Bürgerbeteiligung Alltag ist, die trotz langjähriger EU-Förderung in Europa nie Fuss gefasst hat: die E-Partizipation. Ich war perplex! Aber eigentlich ist es nicht überraschend: Der politische und kulturelle Kontext sind in Saudi-Arabien und in Europa sehr verschieden. Dementsprechend sind die sozialen Praktiken und deren Interpretation andere. Twitter-Diskussionen wie in Saudi-Arabien gelten hierzulande nicht als Bürgerpartizipation. Aus Perspektive der männlichen Staatsbürger Saudi-Arabiens sind sie es aber. Beobachter, die hier die Situationen und den Kontext ignorieren, müssen zum Schluss kommen, dass Saudi-Arabien digital-demokratisch vor der Schweiz liegt.

Wer dagegen nachdenkt, erkennt, dass mit dem Smart-City-Hype ein soziales Konstrukt entsteht, dessen Fundament wir besser ausleuchten müssen. Die Smart City ist insbesondere ein Vehikel, mit dem eine Allianz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft Handlungszwänge für die Städte schafft, etwa mit wissenschaftlich publizierten Benchmarks. Interessant ist auch, dass auf der Ebene der Forschungsförderung sogar Technologiefeindlichkeit einzieht. In Brüssel habe ich eindrücklich erlebt, wie Ingenieure als nicht Co-Creation-fähig abgestempelt wurden. Die Folgen müssen die Einwohner der Städte tragen.

Wir sollten daher die richtigen Weichen stellen, bevor die Smart-City-Bewegung in der Schweiz Fahrt aufnimmt. Erstens braucht es eine Bündelung des Wissens von Stadtentwicklern, Politikwissenschaftlern und Smart-City-Experten. Hervorragendes Engineering, sozialwissenschaftliche Begleitung und geisteswissenschaftliche Reflexion sind gleichermassen notwendig. Zweitens sollte die Raumentwicklung im Umland miteinbezogen werden. Auch das Hinterland braucht eine Zukunft! Drittens muss man sich von Programmen, Grossprojekten und Marketing-Blabla verabschieden. Nur gut vorgedachte, eng fokussierte und diszipliniert agil durchgeführte Smart-City-Projekte tragen dazu bei, die urbanen Qualitäten unserer Städte zu stärken.

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